Besuch in einer Orgelbaufirma

am 4. April 2019

Orgelpfeifen vor dem Einbau
Orgelpfeifen vor dem Einbau

K.T.

 

Im Oldenfelder Blatt Ausgabe 162 vom Juni 2018, also genau vor einem Jahr, stellte Gert Haushalter einen Bericht „Majestät – die Orgel“ vor. Als er erfuhr, dass es einen Orgelbauer ganz in unserer Nähe in Tonndorf gibt, organisierte er einen Besuch einer kleinen Gruppe in der Orgelbaufirma Beckerath.
Rudolf von Beckerath gründete 1949 seinen eigenen Betrieb in Hamburg, nachdem er vorher bei Orgelbauern in Frankreich und Dänemark maßgeblich tätig war und dort eigene Techniken entwickelte. Seine erste Orgel aus Hamburger Fertigung ist noch heute in der Musikhalle (heutige Laeiszhalle) in Hamburg zu bestaunen.
Frau Sattler, eine Mitarbeiterin im Orgelbau, führte die BVO-Gruppe durch die beeindruckenden Stationen des Orgelbaus. Alle Teile einer Orgel werden hier selbst produziert, was großes handwerkliches Können verschiedener Gewerke voraussetzt. Dazu gehören die Herstellung von Labial-, Zungen- und Holzpfeifen, der Windladen und Gehäusebau sowie Werkstätten für mechanische und elektronische Orgelmechanik und Konsolenbau.

Der Rundgang begann mit dem Gießen des Pfeifenmaterials aus einer Mischung aus Zinn und Blei in langen Bahnen, aus denen, nachdem die Dicke auf einer besonderen Drehbank genau gehobelt wurde, die Profile der Pfeifen ausgeschnitten werden. Anschließend werden sie zu den gewünschten Röhren und Trichtern in Form gebracht und miteinander verlötet. Die Längen und Durchmesser sind genau vorgegeben und bestimmen schließlich den gewünschten Ton. Bei den Labialpfeifen entsteht der Ton durch den Luftstrom durch einen schmalen Spalt wie bei einer Blockflöte. Bei den Zungenpfeifen wird dagegen eine Membran zum Schwingen gebracht wie z. B. bei einer Mundharmonika oder einem Akkordeon.
Außer den Metallpfeifen sind auch noch hölzerne Pfeifen üblich, je nach gewünschter – meist weicherer – Klangfarbe einer Orgel.Die nächste Station ist die Produktion des Spieltisches, an dem der Organist das Instrument zum Klingen bringt. Je nach Anforderung kann dieser aus bis zu 5 Manualen und über 70 Registern bestehen, so wie er für Montreal in Kanada schon ausgeführt wurde.

Sehr beeindruckend ist hierbei die Mechanik, d. h. die Ansteuerung der Ventile von den einzelnen Tasten des Manuals über Hebel, Drähte und Gelenke. Dabei können zwischen den Tasten und den Orgelventilen Entfernungen von über 10m Länge liegen, welches die Leichtgängigkeit der Tasten aber nicht beeinflussen darf.
Außer der mechanischen Ansteuerung können die Pfeifen auch durch elektrische Ventilrelais angesteuert werden.
Dazu sind die Spiel- und Registertrakturen mit Kontakten ausgestattet, die wiederum die Relais ansteuern. Dieses hat den Vorteil, dass der Spieltisch an verschiedenen Orten des Raumes aufgestellt werden kann, wie z.B. in der Elbphilharmonie.
Der Gehäuse- und Konsolenbau ist ein weiterer Schritt bei der Herstellung.
Hier werden die Pfeifen von wenigen Zentimetern bis zu 10m Länge sichtbar und dekorativ oder auch versteckt im Hintergrund eingebaut. Ein Gebläsemotor, in einer schallisolierten Box untergebracht, sorgt dabei für den erforderlichen Luftdruck. Dazu kommen die Windladen, die für die richtige Lautstärke bzw. das Klangvolumen verantwortlich sind. Eine Orgel besitzt, gegenüber dem Klavier, keine Anschlagdynamik.
Neben der Herstellung von Orgeln werden auch alte Orgeln aus aller Welt liebevoll restauriert. Dazu, und natürlich auch bei den selbstgebauten Orgeln, reisen die Mitarbeiter rund um den Globus. Ein interessanter und vielseitiger Beruf ist der Orgelbau, leider fehlt auch hier, wie bei vielen Handwerkerberufen, der Nachwuchs.
Wir konnten einen überaus sehenswerten und beeindruckenden Handwerksbetrieb in Hamburg kennenlernen und werden ab jetzt eine Orgel mit ganz anderen Augen und Ohren sehen und hören.